Lassen sich Landwirtschaft und Naturschutz miteinander vereinbaren?


Landwirt Marco Gemballa und Wissenschaftler Philip Hunke auf der Suche nach Feldvögeln
Bild: LandWild

Landwirt Marco Gemballa aus Zinzow (Mecklenburg-Vorpommern) und Wissenschaftler Philip Hunke vom Michael-Otto-Institut im NABU engagieren sich im F.R.A.N.Z.-Projekt für mehr Biodiversität in der Agrarlandschaft. Ein Gedankenaustausch über Ökologie, Ökonomie, Rahmenbedingungen und Zusammenarbeit.

Von Sven Stöbener

 

Sie sind einer von zehn F.R.A.N.Z.-Landwirten, die sich für die Förderung der biologischen Vielfalt in der Agrarlandschaft einsetzen. Warum ist der Schutz der Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft für Sie so wichtig?

Gemballa: Zunächst interessiere ich mich als Landwirt und Jäger grundsätzlich schon einmal für die Natur. Ich habe ein hohes Interesse zu wissen, was mich bei meinen Gängen durch unsere Flur und mein Revier an natürlichen Besonderheiten umgibt. Außerdem gehört es nach meinem Verständnis zu meiner Verantwortung, Vielfalt in unserer Kulturlandschaft zu erhalten bzw. zu erweitern. Schließlich wirtschafte ich als Landwirt in dem Bewusstsein, meinen folgenden Generationen ein Umfeld zu hinterlassen, welches lebenswert ist und eine dauerhafte landwirtschaftliche Existenz sichert.

Was wurde bisher im F.R.A.N.Z.-Projekt von ökologischer Seite unternommen?

Hunke: Auf den Betrieben findet seit Projektstart ein intensives Monitoring der ökologischen Begleitforschung statt. Dadurch haben wir Wissenschaftler die Gegebenheiten der jeweiligen Betriebe gut kennengelernt und auf dieser Basis (z. B. Vorkommen wertvoller Strukturen oder Zielarten etc.) Maßnahmenvorschläge erarbeitet, die dann gemeinsam mit den Landwirten diskutiert wurden. In einem Dialog wurden gemeinsame Maßnahmenfestlegungen gemacht und in einem Maßnahmenplan festgehalten.

Gibt es schon Erfolge zu verzeichnen?

Hunke: Erfolge gibt es, ja. Natürlich ist das Projekt auch deshalb langfristig angelegt, um Maßnahmeneffekte im Rahmen der Monitorings valide auswerten zu können. Wir sehen schon bei einzelnen Maßnahmen für bestimmte Zielarten, dass es in die richtige Richtung geht und hier auf dem Betrieb in Vorpommern z. B.  Ziel-Agrarvogelarten wie Braunkehlchen und Grauammer zunehmen oder nachgewiesen sind, die vorher ohne Maßnahmenumsetzungen nicht erfasst wurden. Auch die Feldhasendichte entwickelt sich mit zunehmenden Maßnahmenanteil positiv und zeigt, dass wenn die Bedingungen stimmen, die Biodiversität auch kurzfristig gesteigert werden kann. Außerdem ist ein Erfolg der gemeinsamen Zusammenarbeit, dass Maßnahmentypen, die mit Projektbeginn auf keine Akzeptanz stießen, nun umgesetzt werden können.

Welche Naturschutzmaßnahmen haben Sie auf Ihrem Betrieb umgesetzt?

Gemballa: Wir setzen bei uns verschiedene Formen von Brachen um. Größtenteils sind diese von uns begrünt worden. Wir legen Brachen insbesondere dort an, wo angrenzende Habitate in Kombination mit diesen Brachen eine ökologische Aufwertung erfahren. Darüber hinaus haben wir aber auch unterschiedliche Formen von Extensivgetreideflächen angelegt. In Sommergetreide haben wir Öllein und Alexandinerklee untergesät. In Winterweizen haben wir keine Untersaaten gesät. Aber auch den Mais versuchen wir in den Vorgewenden durch die Untersaat von Stangenbohnen insbesondere für Insekten aufzuwerten.

Worauf sind Sie besonders stolz?

Gemballa: Besonders stolz bin ich in diesem Jahr auf eine Blühfläche, die auch für die Biogaserzeugung genutzt werden soll. Diese Fläche wurde im Frühjahr 2018 angesät. Allerdings war subjektiv betrachtet nicht viel mehr als Melde im vergangenen Jahr gewachsen. In diesem Jahr sind trotz meiner großen Bedenken sehr viele verschiedene Blühpflanzen gewachsen. Wenn ich jetzt in dieser Fläche stehe, bin ich sehr stolz. Natürlich bin ich aber auch sehr stolz, mit unserem Landwirtschaftsbetrieb an diesem tollen Projekt teilzunehmen. Durch viele Anfragen von Berufskollegen, Journalisten, Politikern und anderen spüre ich die große Bedeutung des Projektes. Das macht mich stolz.

Wie funktioniert ihre Zusammenarbeit und welche Aspekte sind Ihnen besonders wichtig?

Gemballa: Die Zusammenarbeit zwischen uns beiden klappt hervorragend. Es sind immer Gespräche auf Augenhöhe. Geprägt vom gegenseitigen Verständnis der Notwendigkeiten des jeweils anderen. Durch die unkomplizierte Kommunikation und vertrauensvollen Gespräche ist förmlich ein freundschaftliches Verhältnis entstanden. So macht die gemeinsame Arbeit doppelt Spaß.

Hunke: Das kann ich nur bestätigen. Unsere Zusammenarbeit funktioniert wunderbar. Ich bin regelmäßig auf dem Betrieb, um Kartierungen durchzuführen. Bei jedem Besuch schaffen wir es uns zusammenzusetzen und nicht nur über Landwirtschaft und Naturschutz auszutauschen. Besonders freut mich, dass ich hier ein großes Interesse bzgl. der ökologischen Erfassungen erlebe. Marco berichtet mir regelmäßig Vogelbeobachtungen, die sich mit meinen Erhebungen decken. So ein Beobachtungsaustausch ist eine tolle Sache.

Wo sehen Sie Verbesserungsbedarfe in der Zusammenarbeit von Landwirtschaft und Naturschutz?

Hunke: Ich denke, dass es in der Vergangenheit nicht zum Erfolg geführt hat, die trennenden Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Die Biodiversitätsverluste sind weiterhin zu beklagen und eine Trendumkehr ist nicht zu verzeichnen. Deshalb ist es wichtig miteinander ins Gespräch zu kommen und zu erklären, warum welche Naturschutzmaßnahmen sinnvoll sind. Aber auch zuzuhören und Verständnis aufzubringen, wenn eine Maßnahmenumsetzung nicht möglich sein kann. Dann an einer anderen, gemeinsamen Lösung zu arbeiten, ist eine Selbstverständlichkeit. Man sollte nicht anfangen jeden Fehler zu suchen, sondern muss kompromissfähig sein ohne dabei die eigentlichen Ziele für mehr Biodiversität aus den Augen zu verlieren. 

Gemballa: Leider ist in den vergangenen Jahren zwischen Naturschützern und Landwirten das Verhältnis sehr schlecht geworden. Es hat sich teilweise eine richtige Abneigung gegeneinander entwickelt. Landwirte haben aufgrund des dauernd zunehmenden Drucks der Märkte und der ausufernden Bürokratie wenig finanziellen Handlungsspielraum und massiv Sorge vor noch weiter zunehmender Bürokratie, die z. B. aus Programmen der 2. Säule der gemeinsamen Agrarpolitik erwachsen. Andererseits sehen Naturschützer zunehmend Probleme hinsichtlich der Biodiversität, die natürlich von uns Landwirten beeinflusst wird. Diese Probleme zu lösen bedarf aber einer gemeinsamen Anstrengung von Landwirten und Naturschützern. Konfrontative Aktionen beiderseits sind dabei künftig zu unterlassen. Es muss eine neue, kooperative Zusammenarbeit von Landwirten und Naturschützern geben.

Im Projekt werden Naturschutzmaßnahmen auf 5-10 Prozent der Betriebsfläche umgesetzt. Reichen einige hochqualitative Naturschutzmaßnahmen aus oder braucht es eine prozentuale Mindestgröße an Betriebsfläche zur Umsetzung von Maßnahmen, um einen signifikanten ökologischen Mehrwert in der Agrarlandschaft zu generieren?

Gemballa: Aus der Erfahrung der letzten drei Jahre bin ich zu der Überzeugung gekommen, dass es nicht um Quantität gehen kann, sondern um Qualität. Maßnahmen zur Steigerung der Biodiversität müssen standortangepasst und effektiv sein. Dies ist abhängig von den Ausgangsbedingungen der vorhanden Biotope vor Ort. Wenn wir erst einmal klein anfangen, sich dann die Erfolge einstellen und die ökonomischen Rahmenbedingungen es möglich machen, dann werden die Flächenumfänge wachsen.

Hunke: Wir brauchen beides! Natürlich ist es klar, dass wir uns im Naturschutz so viel Fläche wie möglich für mehr Biodiversität wünschen. Expertenbefragungen zeigen, dass für eine Trendumkehr bei den Biodiversitätsverlusten ca. 20 Prozent Flächenumfang benötigt werden. Dies hängt wiederum stark davon ab um was für Maßnahmen es sich handelt und welche Lebensräume und Arten geschützt werden sollen. Bei unproduktiven Flächen wie Brache- und Blühstreifen, deren Lage bei der Maßnahmenumsetzung gesteuert wird, kann auch mit einem geringen Flächenumfang viel erreicht werden. Voraussetzung dafür ist eine qualifizierte Beratung zur Umsetzung ökologisch wertvoller Maßnahmen. So können z. B. die natürlichen, schon vorhandenen Potenziale ausgenutzt und Maßnahmen zielgerichtet ausgestaltet werden. Bei flächigeren beerntbaren Umsetzungen wie Extensivgetreide ist der anzusetzende Maßnahmenbedarf hingegen deutlich größer und sollte ca. bei 15 Prozent liegen. Deshalb braucht es einen Maßnahmenmix bei dem in jedem Fall sehr hochwertige Flächen, wie z. B. mehrjährige Blühstreifen in Kombination mit Extensivmaßnahmen vorhanden sind. Da kommt man schnell auf 20 Prozent insgesamt.

Welche politischen Rahmenbedingungen sind für einen signifikanten ökologischen Mehrwert notwendig?

Gemballa: Die Politik hat die Aufgabe, für nachhaltiges Wirtschaften landwirtschaftlicher Betriebe die Rahmenbedingungen zu schaffen. Wenn Politik den Rahmen so gestaltet, dass ich als Landwirt mit Maßnahmen für Biodiversität nicht schlechter gestellt bin als mit landwirtschaftlicher Produktion auf der gleichen Fläche, dann wird es einen signifikanten Mehrwert geben. Durch das EEG ist dies der Politik hinsichtlich der Produktion von erneuerbaren Energien ja auch gelungen. Wieso soll es der Politik nicht möglich sein, einen Markt für Biodiversität zu schaffen?

Hunke: Es müssen Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es ermöglichen, dass mehr qualitativ hochwertige Maßnahmen in die Fläche kommen. Dazu gehört auch die Akzeptanz von Maßnahmen bei den Landwirten zu erhöhen. So können und sollten bisher wenig geförderte Maßnahmen wie z. B. Extensivgetreide verstärkt über Landesprogramme angeboten werden. Auch finanzielle Anreize für Gemeinwohlleistungen können die Attraktivität von Maßnahmen erhöhen und dazu beitragen Biodiversität als eigenen/neuen Betriebszweig zu etablieren. Daher müssen Landwirte für gesellschaftliche Leistungen auch entsprechend entlohnt werden.

Welche Ziele haben Sie sich im Rahmen des Projektes gesetzt?

Gemballa: Mein Ziel ist es, im Bereich der von uns bewirtschafteten Flächen unseres Betriebes viele Erkenntnisse zu gewinnen, Wissen weiterzuvermitteln, eine höhere Biodiversität in unserem intensiv genutzten Agrarlandschaftsraum zu ermöglichen, ohne finanzielle Risiken, und dazu beizutragen, das politische Entscheider den Landwirten einen neuen Einkommenszweig gestalten.

Hunke: Ein zentrales Ziel ist es zu zeigen, dass es möglich ist gemeinsam mit Landwirten die Biodiversität auf konventionellen Betrieben zu erhöhen. Neben den F.R.A.N.Z.-Betrieben wäre es schön, viele weitere Betriebe in die Lage zu versetzen mehr für den Naturschutz zu machen und positive Effekte auf landschaftlicher Ebene zu erzielen.

Was lässt sich bereits jetzt nach 2,5 Jahren Laufzeit für andere Landwirte außerhalb des Projektes festhalten?

Gemballa: Das Projekt ist jetzt schon aus meiner Sicht ein großer Erfolg. Schon allein der Ansatz hin zu einer Kooperation der Beteiligten ist für mich außergewöhnlich. Dies strahlt auf andere Landwirte aus und nur so ist zu erklären, warum das Interesse der Landwirte aus meiner Umgebung so groß ist. Es gibt sehr viele Landwirte, die gerne unter der Bedingung der ökonomischen Sicherheit auch Maßnahmen zur Steigerung der Biodiversität beitragen wollen.

Hunke: Insgesamt lässt sich feststellen, dass das Thema Biodiversität in der Landwirtschaft in der Gesellschaft angekommen ist und das Projekt genau dort ansetzt und versucht Lösungen zu erarbeiten. Dadurch bekommen wir sehr viele Anfragen von Landwirten, die motiviert sind etwas tun zu wollen, und wir auch so unsere bisherigen Erkenntnisse weitergeben können.

Welchen Einfluss hat das Projekt auf Ihr Engagement für den Naturschutz und auf Ihr betriebliches Handeln?

Gemballa: Das Projekt hat mir in vielerlei Hinsicht die Augen und das Verständnis geöffnet. Es macht grundsätzlich für mich erst einmal ein qualitatives Engagement für den Naturschutz möglich. Mein betriebliches Handeln wird insofern beeinflusst, dass ein höheres Maß an Sensibilität hinsichtlich der Flächenbewirtschaftung vorhanden ist.