Bioökonomie: Wandel mit Respekt


v.l.n.r.: Dr. Johannes Merck, Johannes Büchs, Dr. Steffi Ober, Dr. Stefan Rauschen, Dr. Dr. Maritta Koch-Weser, Peter Gerhardt, Christiane Grefe, Dr. Juan Gonzalez-Valero, Dr. Hermann Fischer, Prof. Dr. Michael Otto, Florian Schöne
Bild: Krafft Angerer
Kann die Bioökonomie helfen die begrenzten biologischen Ressourcen nachhaltig zu nutzen? Die 16. Hamburger Gespräche für Naturschutz unter dem Titel „Same, same but different? – Ein Symposium über die Chancen und Grenzen der Bioökonomie“ der Umweltstiftung Michael Otto haben einflussreiche Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik versammelt, um Impulse für die Gestaltung zukunftsweisender und nachhaltiger Lösungen für eine biobasierte Wirtschaft, die im Einklang mit der Natur steht, zu setzen und den gesellschaftlichen Dialog zu fördern.
 
Der Begriff Bioökonomie - und damit die nachhaltige, innovative Nutzung natürlicher Stoffe und Ressourcen – ist in der Öffentlichkeit noch wenig bekannt, wohl aber die damit verbundenen Herausforderungen und auch einzelne Anwendungen wie beispielsweise Biokraftstoffe oder kompostierbare Kunststoffe. Diese werden allerdings oft isoliert betrachtet – hier setzt das Konzept der Bioökonomie im Sinne einer gesamtgesellschaftlich organisierten Kreislaufwirtschaft an. Es geht langfristig um den Umbau der gesamten Ökonomie. Christiane Grefe, Autorin des Buches „Global Gardening. Bioökonomie neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?“, sieht in der Bioökonomie eine wichtige Option für eine dringend benötigte ökologisch verträgliche Wirtschaftsweise, eine regionale Kreislaufwirtschaft. Laut Grefe sind Produkte, die biologisch erzeugt sind, mit größerer Wahrscheinlichkeit dazu in der Lage den Kreislauf schließen zu können ohne Abfälle zu produzieren als herkömmliche Produkte.

Grünes Wirtschaftswachstum oder grünes Wirtschaften?

In Zeiten des Klimawandels, einer wachsenden Weltbevölkerung und eines dramatischen Rückgangs der Artenvielfalt bietet die Bioökonomie vielfältige Chancen und Potenziale. So können mit der Bioökonomie beispielsweise Rohstoffe effizienter genutzt werden und der Tier- und Pflanzendruck durch den molekularen Aufbau von konstruktiven und funktionellen biologischen und pflanzlichen Strukturen verringert werden.


Bild: Krafft Angerer
Für die Hamburger Wissenschaftssenatorin Katharina Fegebank liegt in der Bioökonomie für den Forschungs- und Innovationsstandort Hamburg eine besondere Relevanz. Sie betonte, dass die Gesellschaft eine neue Form des biobasierten Wirtschaftens braucht, um dem Klimawandel und dem Artenschutz wirkungsvoll zu begegnen. Fegebank sieht in der Bioökonomie die Verbindung von Ökonomie und Ökologie für ein nachhaltiges Wirtschaften und forderte in diesem Zusammenhang einen neuen Gesellschaftsvertrag. Sie machte klar, dass der Druck beim Klimaschutz auf die Politik erhalten bleiben muss, um zügig die politischen Rahmenbedingungen setzen zu können.

Auch Maritta Koch-Weser, Präsidentin von Earth3000, sieht enorme Potenziale in der biobasierten Wirtschaft und forderte, die Bioökonomie als eine Wirtschaftsform aufzubauen, die auf einer nachhaltigen bioökonomischen Nutzung der regionalen Ressourcen basiert. Insbesondere für das Amazonasgebiet ist laut Koch-Weser die Bioökonomie eine Möglichkeit nachhaltig zu Wirtschaften und den Raubbau an der grünen Lunge der Welt zu bekämpfen, die bei weitem noch nicht ausgeschöpft ist.

Von einer „wissensbasierten Bioökonomie“ erhoffen sich deren Förderer Lösungen für die zentrale Frage des 21. Jahrhunderts wie wir zukünftig miteinander leben und wirtschaften wollen. Doch mit der Bioökonomie sind auch Risiken verbunden. Verstanden als vor allem technologische, auf Wachstum zielende Substitutions- und Effizienz-Revolution kann Bioökonomie auch zu neuen Flächenkonkurrenzen führen, Familienbetriebe und Naturräume verdrängen, riskante (Gen-)Technologien und Machtstrukturen fördern, einer weiteren Ökonomisierung der Natur und Entfremdung von ihr Vorschub leisten und mit Rebound-Effekten einer Nachhaltigkeits-Illusion erliegen. Es fehlen aktuell konsistente Zukunftsbilder und Zukunftsperspektiven sowie eine gesamtheitliche Betrachtung des Themas. Zudem werden mögliche Kollateralschäden ausgeblendet. Steigt die Nachfrage nach pflanzlichen Rohstoffen, die sich automatisch aus immer mehr biologisch erzeugten Produkten, chemischen Grundstoffen, Werk- und Baustoffen ergibt, dann erhöht sich folglich der Druck auf die Flächen, auf denen Biomasse wachsen kann. Dabei befördert die Konkurrenz um Nahrungsmittel die weltweiten Landnahmen ohnehin.

Die Bioökonomie darf sich also nicht als blinde Wachstumsstrategie etablieren, sondern muss die Grenzen, welche uns die Natur vorgibt, zwingend beachten, um die biologischen Ressourcen der Erde effizient und nachhaltig nutzen zu können. Handelsregeln, Forschungspolitik und Agrarsubventionen müssen sich dahingehend ändern, dass die biologische Vielfalt erhalten bleibt. Ein Lösungsansatz der Bioökonomie ist daher die sogenannte Kaskadennutzung, bei der Biomasse erst stofflich, dann chemisch und zu allerletzt energetisch genutzt werden soll. Doch sie ist bisher eher ein Versprechen als gängige Praxis. Mit Ausnahme der Holzwirtschaft fehlen dafür noch gute Beispiele, Regeln und Anreize.
 
Ein gutes Beispiel für eine ökologisch verträgliche Ökonomie der kurzen Wege liefert der Chemiker und Umweltpreisträger Dr. Hermann Fischer. Er entwirft eine Mischung aus agrarökologischem Vielfaltsanbau, dezentralen Bioreaktoren und 3-D-Druckern, die allesamt klimaschonend und regional integriert nur nach Bedarf produzieren würden. Laut Fischer sind gerade kleine und mittelständische Unternehmen (KMU), die unternehmerischen Innovationstreiber für eine biobasierte Wirtschaft. Deshalb brauchen insbesondere die KMU’s nach Fischer eine aktive Förderung der Politik für die regenerativen, pflanzenbasierten Produkte. Denn Pflanzen bieten uns viele funktionsreiche Chemikalien, um Nahrung, Kleidung oder auch Baustoffe herzustellen.

Innovationen und Forschung sind auch für Stifter und Unternehmer Prof. Dr. Michael Otto eine wichtige Voraussetzung, damit sich ein bioökonomischer Markt entwickeln kann. Doch die in der Wirtschaft vorhandenen Potenziale sieht auch er durch fehlende politische Rahmenbedingungen bisher nur unzureichend ausgeschöpft und fordert, dass umwelt- und klimafreundliches Investitions- und Konsumverhalten durch die Rahmenbedingungen stärker als bisher angeregt und gefördert wird.

Forschung und Beteiligung: Wer erforscht was?

Die Bioökonomie ist allerdings nicht nur ein Wirtschafts- und Forschungsthema. Auch der Naturschutz ist ein wichtiger Akteur, der bisher nur in geringem Maße an der Gestaltung der sich derzeit entwickelnden Bioökonomie eingebunden ist. Denn es bestehen zahlreiche Konflikte zwischen Wirtschaft und Naturschutz, bspw. bei der Flächennutzung oder dem Eingriff in die Natur, die es zu lösen gilt. Um die Fehler der Vergangenheit, wie der Anbau von Mais als Energielieferant für Biogasanlagen, der zur Übernutzung von landwirtschaftlichen Nutzflächen führt und zudem die Artenvielfalt gefährdet, nicht zu wiederholen, sollte die Diskussion über Bioökonomie für Bürgerinnen und Bürger sowie zivilgesellschaftliche Organisationen geöffnet werden. Für Dr. Steffi Ober vom NABU ist „Business as usual“ keine Option: „Wir brauchen eine nachhaltige Wirtschaft, die dem Natur- und Umweltschutz verpflichtet ist, wenn wir die internationalen Verpflichtungen im Rahmen des Paris Abkommens und der Sustainable Development Goals ernst nehmen.“ Laut Ober fehlt neben den politischen Rahmenbedingungen der öffentliche Diskurs, der Raum gibt für den Austausch von Konzepten und Visionen über den richtigen Weg, das Tempo der Veränderung und die Grenzen der Zumutbarkeiten. Denn Industrie, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sind gleichermaßen in der Verantwortung für eine nachhaltige Zukunft.

Vom Wissen zum Handeln

Auf den 16. Hamburger Gesprächen für Naturschutz wurde deutlich, dass die Bioökonomie sich nicht nur auf die Produktion biobasierter Güter reduzieren lässt. Neben den Handels- und Stoffströmen müssen auch die Ernährungs- und Konsumgewohnheiten verändert werden, damit nicht nur die Effizienz der Produktion gesteigert, sondern auch der Verbrauch insgesamt nachhaltig verändert oder beschränkt wird. Die Vielfalt der Ziele, Ideen und Nutzungspraktiken für biologische Ressourcen müssen zusammengedacht werden. Dafür ist eine interdisziplinäre Zusammenarbeit auf allen Akteursebenen erforderlich. Die Gesellschaft muss über die Chancen und Risiken der Bioökonomie aufgeklärt werden, damit ein gesellschaftlicher Transformationsprozess hin zu einem ökologisch, nachhaltigen Wirtschaften vollzogen werden kann.

Als Fazit lässt sich festhalten: Die Bioökonomie als Wirtschaft auf der Grundlage neuer biologischer Kenntnisse, Verfahren und Produkte ist eine Chance, wenn sich ihre Protagonisten aufmerksam für mögliche Risiken von den Prinzipien und Erfindungen der Natur faszinieren lassen, den Abschied von fossilen Energien beschleunigen, die biologische Vielfalt als Grundprinzip der Landnutzung fördern und sich an den natürlichen Stoffströmen und Kreisläufen orientieren.  Auch vor dem Hintergrund, dass die Bioökonomie Thema des Wissenschaftsjahres 2020 ist, haben die 16. Hamburger Gespräche für Naturschutz gezeigt, dass ein Dialog und eine verstärkte Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft, Naturschutz, Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft dringend notwendig ist, um die Bioökonomie als eine Ökonomie mit Respekt für die Grenzen biologischer Systeme voranzutreiben. Der Dialog ist ein wichtiger Schritt, um tatsächlich vom Wissen zum Handeln zu kommen.